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Die Mut-Challenge: Von U-Bahn-Arien und anderen Katastrophen

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Der Teufel trägt Wanderschuhe (und ein Klemmbrett)

Marie war eine Frau, die Risiken mied wie andere Leute laktosefreie Milch – mit religiösem Eifer. Ihr mutigster Akt in diesem Jahr war es gewesen, eine Avocado zu kaufen, die sich noch „etwas fest“ anfühlte. Marie arbeitete als Lektorin für Gebrauchsanweisungen, Spezialgebiet: Toaster und Mikrowellen. Es war ein Beruf, der ihr Sicherheit gab. In einer Gebrauchsanweisung gab es kein „Vielleicht“. Wenn man Knopf A drückte, passierte Ereignis B. Wenn das Leben nur so einfach wäre wie ein Philips-Toaster HD2581/00.

Maries Wohnung war ein Denkmal der Vorhersehbarkeit. Ihre Gewürze standen in Reih und Glied, die Etiketten nach vorne ausgerichtet. Ihr Kleiderschrank war nach Farben sortiert (wobei „Beige“ und „Sand“ die dominante Mehrheit bildeten). Wenn Marie eine Entscheidung treffen musste, erstellte sie eine Pro-und-Contra-Liste. Manchmal erstellte sie sogar eine Pro-und-Contra-Liste darüber, ob sie eine Pro-und-Contra-Liste erstellen sollte.

Tessa hingegen, ihre jüngere Schwester, war das personifizierte Chaos. Sie war freischaffende „Klang-Therapeutin“. Das bedeutete in der Realität, dass sie in einer Altbauwohnung in Wien lebte, in der es nach Patschuli und ungewaschenem Geschirr roch, und in schamanischen Gewändern gegen Gongs schlug. Tessa glaubte an die heilende Kraft von Bergkristallen, die Ausrichtung der Planeten und daran, dass Rechnungen nur eine „Vorschlagsoption des Universums“ seien.

Die beiden hatten seit zwei Jahren nicht mehr miteinander gesprochen. Der Grund war „Der Vorfall mit dem Erbstück-Teppich“. Ein antiker Perser, den sie von ihrer Großmutter geerbt hatten. Marie wollte ihn professionell reinigen und konservieren lassen. Tessa hatte ihn im Namen der spirituellen Reinigung im Garten rituell verbrannt, weil sie der Meinung war, der Teppich speichere das „negative Karma der Ahnen“. Marie hatte darauf bestanden, dass „reinigen“ normalerweise mit Seife zu tun hat und nicht mit Brandstiftung.

Doch dann kam der 60. Geburtstag ihrer Mutter.

„Ich habe alles“, hatte Mutter am Telefon verkündet, während im Hintergrund das Geräusch von umfallenden Yoga-Blöcken zu hören war. „Ich habe Gesundheit, ich habe meinen Garten und ich habe zwei Töchter, die sich benehmen wie fünfjährige im Sandkasten. Mein einziger Wunsch: Das Ferienhaus in der Toskana braucht neue Besitzer. Aber ich gebe es nicht zwei Fremden, die sich nur über Anwälte grüßen lassen.“

Die Bedingung war ein Geniestreich mütterlicher Grausamkeit: Die Liste. Zehn Aufgaben. Gemeinsam. Als Beweis forderten sie nicht nur Fotos, sondern „emotionale Ehrlichkeit“.

„Toskana“, flüsterte Marie ihrem Goldfisch Sir Blubbalot zu. „Stell dir vor. Keine Wiener Stadtreinigung um fünf Uhr morgens. Nur Zypressen und Olivenöl. Und … Tessa.“

Sir Blubbalot blubberte. Es klang verdächtig nach: „Viel Glück, du wirst es brauchen.“

Die Begegnung der dritten Art

Sie trafen sich in der U-Bahnstation Stephansplatz. Es war ein grauer Dienstagmorgen, der Tag, an dem das Schicksal beschlossen hatte, Marie besonders hart zu prüfen.

Tessa war bereits da. Sie trug einen Umhang, der aussah, als hätte sie ein Zelt der Pfadfinder geplündert, kombiniert mit neongrünen Leggings und einer Blockflöte, die in ihrem Gürtel steckte wie ein Revolver bei einem Cowboy.

„Du siehst aus, als würdest du gleich zu deiner eigenen Beerdigung gehen“, sagte Tessa zur Begrüßung und versuchte, Marie zu umarmen. Marie wich geschickt aus und hielt ihre Handtasche wie einen Schutzschild vor sich.

„Und du siehst aus, als hättest du dich im Dunkeln in einer Altkleidersammlung angezogen“, entgegnete Marie. „Sind das … echte Federn in deinem Haar?“

„Die reinigen die Aura, Mariechen. Deine ist übrigens gerade so grau wie eine Betonmischmaschine.“

Marie ignorierte den Kommentar und starrte auf das laminierte Blatt in ihrer Hand.

Aufgabe 1: Singen in einer vollen U-Bahn. Laut. Mit Inbrunst. Mindestens zwei Stationen lang.

„Ich kann das nicht“, sagte Marie. „Ich singe nur unter der Dusche, wenn der Lüfter läuft. Und selbst dann entschuldige ich mich bei den Fliesen.“

„Komm schon. Es geht um das Haus. Denk an den Chianti. Denk an die Pasta, die nicht aus einem Plastiksackerl von „Clever“ kommt!“

Tessa packte Marie am Arm und zog sie in die einfahrende U1.

Der Waggon war die Vorhölle. Eine Mischung aus Schulklassen, Leuten, die auf ihre Smartphones starrten, als stünde dort das Geheimnis des ewigen Lebens, und einem Mann am Fenster, der ein sehr großes, sehr traurig aussehendes Baguette transportierte.

„Wir müssen“, flüsterte Marie. Ihr Gesicht hatte die Farbe eines ungekochten Hefeteigs angenommen.

„Was singen wir?“, fragte Tessa. „Ich hätte da ein wunderbares Mantra zur Öffnung des Herzchakras. Es beinhaltet viele Kehlkopflaute.“

„Auf gar keinen Fall. Wir werden nicht wie zwei sterbende Robben klingen. Wir brauchen etwas, das die Leute kennen. Etwas, das… universell ist.“

„Atemlos?“, schlug Tessa vor und grinste breit.

Marie erschauderte. „Ich hasse Helene Fischer. Das ist die musikalische Entsprechung einer weichgespülten Tischdecke.“

„Perfekt!“, rief Tessa aus. „Mut bedeutet, Dinge zu tun, die man hasst. Das ist die Quintessenz der Challenge!“

Die Helene-Fischer-Apokalypse

Tessa zückte die Blockflöte. Ein Raunen ging durch das Abteil. Ein Geschäftsmann in der ersten Reihe seufzte so tief, dass man meinen könnte, er hätte gerade die Quartalszahlen verloren.

„Eins. Zwei. Drei…“, zählte Tessa an.

Der erste Ton der Blockflöte war ein schrilles Quietschen, das vermutlich alle Hunde im Umkreis von drei Kilometern in den Wahnsinn trieb. Marie schloss die Augen. Sie stellte sich vor, sie wäre eine Gebrauchsanweisung für einen Staubsauger. Sachlich. Funktional. Emotionslos.

„WIR ZIEHEN DURCH DIE STRASSEN UND DIE CLUBS DIESER STADT!“, brüllte Marie plötzlich los.

Es war kein Gesang. Es war ein akustischer Frontalangriff. Ihre Stimme war so weit von Helene Fischer entfernt wie ein Toaster von einem Quantencomputer.

Die Fahrgäste reagierten mit der typischen Wiener Genervtheit. Doch als Marie bei „ATEMLOS! DURCH DIE NACHT!“ ankam und dabei mit den Armen ruderte wie ein Ertrinkender, hob der Mann mit dem Baguette den Kopf.

Tessa hüpfte nun im Gang auf und ab, der Umhang flatterte wie die Flügel eines betrunkenen Albatros. „SPÜR WAS LIEBE MIT UNS MACHT!“, grölte sie dazu.

Plötzlich passierte das Unmögliche. Ein Kind in der Mitte des Waggons fing an zu kichern. Die Jugendlichen in der hinteren Ecke, die bisher nur gelangweilt auf ihre Displays gestarrt hatten, nahmen die Kopfhörer ab. Einer von ihnen fing an, den Rhythmus auf seinem Rucksack zu trommeln.

„Alles was ich will, ist da!“, sang Marie nun, und ein seltsames Gefühl breitete sich in ihrer Brust aus. Es war kein Herzinfarkt, wie sie zuerst vermutete, sondern … Spaß?

Der ganze Waggon stimmte beim Refrain ein. Sogar der traurige Baguette-Mann summte die Melodie mit, während er den Takt mit seinem Gebäck schlug.

Als die Bahn am Praterstern hielt und die Schwestern hinausstolperten, zitterten Maries Knie so sehr, dass sie sich an einem Fahrplan festhalten musste.

„Ich lebe noch“, flüsterte sie.

„Du warst wie eine Rockgöttin in einem sehr spießigen Trenchcoat“, sagte Tessa und lachte.

Marie strich sich eine verirrte Haarsträhne aus der Stirn. „Lass uns die nächste Aufgabe machen, bevor ich wieder zur Vernunft komme.“

Die „Hunde-Psychologie“ und der Endgegner in Plüsch

Nach dem Erfolg (oder dem sozialen Suizid) in der U-Bahn fühlte sich Tessa unbesiegbar. Marie hingegen fühlte sich, als hätte sie eine Überdosis Koffein direkt in die Seele bekommen. Doch Mutter kannte ihre Pappenheimer. Punkt 2 der Liste war psychologische Kriegsführung.

Aufgabe 2: Geht in ein gehobenes Restaurant und bestellt ein Drei-Gänge-Menü – für einen unsichtbaren Hund. Inklusive Konversation mit dem Tier.

„Das ist Diskriminierung von imaginären Wesen“, schimpfte Marie, während sie sich die Hände an ihrem Trenchcoat abwischte.

„Das ist eine Übung in Präsenz, Mariechen!“, konterte Tessa. „Wir manifestieren die Existenz von Lord Wuffington.“

Sie wählten ein Etablissement mit weißen Tischdecken und Kellnern, die so guckten, als hätten sie ein Monokel im Auge, selbst wenn sie keines trugen.

„Ein Tisch für drei“, sagte Marie mit der Grabesstimme einer Frau, die ihren eigenen Ruf gerade beerdigt.

Der Kellner sah auf die zwei Stühle. „Und der dritte Gast?“

„Lord Wuffington ist bereits hier“, sagte Tessa und tätschelte die Luft auf Kniehöhe. „Er ist ein irischer Wolfshund mit einer Vorliebe für Trüffel-Pasta, aber einer schweren Kindheit. Er ist heute etwas schüchtern.“

Marie schloss die Augen und zählte bis zehn. Toskana. Denke an die Toskana.

„Könnten Sie bitte eine Schale mit handwarmem Evian bringen?“, fügte Marie hinzu, wobei sie ihren inneren Gebrauchsanweisungs-Lektor aktivierte. „Und keine Kohlensäure. Das gibt ihm Blähungen, und glauben Sie mir, das wollen Sie bei einem unsichtbaren Wolfshund nicht erleben.“

Der Abend gipfelte darin, dass Marie dem leeren Platz neben sich erklärte, warum er nicht an den Servietten kauen dürfe, während Tessa dem unsichtbaren Hund die Weinkarte interpretierte. Als sie das Restaurant verließen, hinterließen sie ein stattliches Trinkgeld und einen Kellner, der ernsthaft über seine Berufswahl nachdachte.

„Ich glaube“, flüsterte Marie draußen, „ich habe Lord Wuffington am Ende wirklich bellen gehört.“

„Das war dein Magen, Marie. Du hast vor lauter Scham nichts gegessen.“

Die Demütigung im Einzelhandel

Die nächsten Tage waren ein Wirbelsturm der Peinlichkeiten. Mutter hatte die Liste offensichtlich unter dem Einfluss von zu viel Kräutertee und Rachegelüsten verfasst.

Aufgabe 4: Einem völlig Fremden ein Kompliment für seine Schuhe machen – während man selbst Socken über den Schuhen trägt.

Sie wählten das Westfield Donauzentrum. Marie trug ihre braunen Lederhalbschuhe, über die sie ein Paar leuchtend rosa Wollsocken gezogen hatte.

„Ich sehe aus wie eine verirrte Waldorfschülerin“, murmelte Marie, während sie versuchte, unauffällig hinter einer Palme in der Mall zu verschwinden.

„Du siehst avantgardistisch aus“, korrigierte Tessa, die selbst Socken mit Zehen über ihren Sandalen trug. „Los, da vorne. Der Mann im Anzug. Er sieht aus, als hätte er seit 1994 nicht mehr gelacht.“

Marie atmete tief durch, trat auf den Mann zu und starrte auf seine perfekt polierten Oxfords.

„Schöne Schuhe“, sagte sie mit der Intensität einer Verhörbeamtin. „Wirklich… sehr aerodynamisch.“

Der Mann sah an ihr herunter. Sein Blick blieb an den rosa Wollsocken hängen. Er blinzelte. „Danke?“, sagte er vorsichtig. „Haben Sie… kalte Füße?“

„Es ist ein modisches Statement“, sagte Marie steif. „Ein Statement gegen die Tyrannei der glatten Oberflächen.“

Tessa im Hintergrund hielt sich den Bauch vor Lachen. Als sie wegliefen, fühlte Marie sich nicht mehr gedemütigt. Sie fühlte sich leicht. Wie eine Gebrauchsanweisung, die jemand zu einem Papierflieger gefaltet hatte.

Doch der wahre Endgegner wartete im Supermarkt.

Aufgabe 7: An der Kasse mit ‚Muscheln‘ bezahlen wollen.

„Das ist illegal“, behauptete Marie. „Das ist versuchter Betrug an der Marktwirtschaft.“

„Es ist ein Experiment über sozialen Austausch, Marie!“, sagte Tessa. „Außerdem haben wir die Muscheln doch noch.“

Sie hatten tatsächlich noch eine Schachtel mit  Miesmuschelschalen aus dem Italien-Urlaub 2005, die Marie in einer Kiste mit der Aufschrift „Erinnerungen – Biologisch abbaubar“ im Keller aufbewahrt hatte.

An der Kasse im Bio-Laden herrschte Hochbetrieb. Vor ihnen stand eine Frau, die jedes einzelne Stück Obst nach Druckstellen untersuchte. Marie spürte, wie ihr der Schweiß auf der Stirn stand.

„Das macht acht Euro fünfzig“, sagte die Kassiererin, eine Frau mit einem Namensschild, auf dem „Beate“ stand und die aussah, als hätte sie schon alles gesehen.

Marie legte die Nudeln auf das Band. Dann griff sie in ihre Tasche. Ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen.

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„Nehmen Sie auch… alternative Währungen?“, fragte sie leise.

Beate hob eine Augenbraue. „Wir nehmen Karte, Bar und Apple Pay. Keine Treuepunkte von der Konkurrenz.“

Marie legte eine Handvoll vertrockneter Miesmuscheln auf den Zahlteller. „Und wie steht es mit… Gehäusen von Meeresfrüchten? Sie sind sehr selten in Wien-Mitte.“

Tessa trat neben sie. „Sie sind energetisch aufgeladen! Sie bringen Wohlstand für den ganzen Laden!“

Die Schlange hinter ihnen wurde unruhig. Ein Mann mit einem Sechserpack Hafermilch räusperte sich aggressiv.

Beate die Kassiererin starrte auf die Muscheln. Dann starrte sie Marie an. Sie sah die nackte Panik in Maries Augen, die sich hinter der Maske der Professionalität verbarg.

Beate lächelte plötzlich. Ein echtes, müdes, aber warmes Lächeln.

„Mädel“, sagte sie. „Ich hab heute Morgen schon jemanden gehabt, der mit Monopoly-Geld für seinen Grünkohl-Smoothie bezahlen wollte. Die Muscheln sind hübsch. Geh weiter, die Nudeln gehen auf mich. Du siehst aus, als hättest du heute schon genug durchgemacht.“

Draußen auf dem Parkplatz brachen beide in Tränen aus. Keine Tränen der Trauer, sondern dieses hysterische Lachen, das nur Schwestern teilen können.

„Sie hat uns die Nudeln geschenkt!“, japste Marie. „Ich habe mit Muscheln bezahlt!“

„Du bist eine Kriminelle, Marie! Eine eiskalte Muschel-Mafia-Braut!“

Die Rückkehr der „Socken-Guerilla“ im Baumarkt

Mutter wusste, dass Marie Baumärkte liebte. Es war das Mekka der Ordnung. Alles war in Kategorien unterteilt: Schrauben, Dübel, Zierspachtel. Hier fühlte Marie sich sicher. Bis zu Aufgabe 5.

Aufgabe 5: Veranstaltet ein Picknick in der Gartenabteilung eines Baumarkts. Benutzt die Ausstellungs-Möbel. Mit Tischdecke und Kerzenleuchter.

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Sie schlichen sich an einem Samstagmittag in eine Bauhaus Filiale im 20. Wiener Gemeindebezirk. Tessa hatte eine karierte Picknickdecke unter ihrem Umhang geschmuggelt, Marie trug einen Korb mit alkoholfreiem Sekt und Schnittchen, deren Ränder sie – natürlich – akkurat abgeschnitten hatte.

In der Abteilung für „Luxus-Gartenlounges“ bauten sie auf. Marie breitete die Decke über ein 2.000-Euro-Rattan-Sofa aus. Tessa zündete zwei elektrische Teelichter an.

„Willst du ein Lachshäppchen, Schwesterherz?“, fragte Marie und versuchte, so zu tun, als säßen sie nicht zwischen einem Regal für Unkrautvernichter und einer Palette Betonmischungen.

„Nur wenn es mit Liebe und ohne unterdrückte Aggressionen belegt wurde“, antwortete Tessa.

Ein Baumarkt-Mitarbeiter mit einer neonorangen Weste blieb stehen. Er hielt eine Rolle Panzertape in der Hand und starrte sie an.

„Darf ich fragen, was das hier wird?“, fragte er. Er klang nicht einmal wütend, nur tief erschüttert in seinem Weltbild vom Bauhaus.

„Wir testen die Gemütlichkeit unter Realbedingungen“, sagte Marie mit ihrer besten „Ich-bin-eine-seriöse-Kundin“-Stimme. „Wussten Sie, dass dieses Rattan im Falle eines plötzlichen Picknicks sehr nachgiebig ist? Ich würde es in meinen Bericht aufnehmen.“

Tessa prostete ihm mit einem Plastikbecher zu. „Wollen Sie ein Ei? Es ist bio-dynamisch.“

Der Mitarbeiter sah auf das Panzertape, dann auf die Schwestern. Er drehte sich wortlos um und ging.

„Siehst du?“, flüsterte Tessa. „Die Leute haben keine Angst vor Verrückten. Sie haben Angst vor Leuten, die so tun, als wäre das Verrückte völlig normal.“

Die Mutprobe der Wahrheit – Im Fahrstuhl des Grauens

Die neunte Aufgabe war die Vorbereitung auf das große Finale. Sie war weniger laut, aber für Marie weitaus schlimmer als das Singen in der U-Bahn.

Aufgabe 9: Steigt in einen vollbesetzten Fahrstuhl. Stellt euch nicht mit dem Gesicht zur Tür, sondern mit dem Rücken zur Tür und starrt die anderen Fahrgäste schweigend an.

Sie wählten das höchste Hotel der Stadt. Der Fahrstuhl war gläsern, eng und voller Menschen in Anzügen, die zu einem Kongress über Versicherungsmathematik wollten.

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Als die Türen zugingen, drehten sich Marie und Tessa gleichzeitig um. Anstatt auf die wechselnden Stockwerkszahlen zu starren, fixierten sie die Gesichter der hinter ihnen stehenden Menschen.

Marie starrte direkt in die Augen einer Frau, die eine Aktentasche hielt, als wäre sie ihr Erstgeborenes. Die Stille war ohrenbetäubend. In einem Fahrstuhl ist Augenkontakt mit Fremden das soziale Äquivalent zu einem nackten Tanz auf dem Marktplatz.

Marie spürte den Drang, sich zu entschuldigen. Sie wollte sagen: „Meine Mutter zwingt uns dazu wegen eines Hauses in der Toskana!“ Aber sie biss sich auf die Lippen.

Tessa hingegen fing an, ganz leise zu summen. Nicht Helene Fischer. Ein tiefer, vibrierender Ton, der den Boden des Fahrstuhls zum Schwingen brachte.

Nach zehn Stockwerken war die Spannung so hoch, dass man sie mit einem Spachtel hätte abtragen können. Ein junger Mann im Anzug hielt es nicht mehr aus. „Ist… ist alles okay bei Ihnen?“, platzte er heraus.

Marie sah ihn an, lächelte sanft und sagte: „Wir warten nur darauf, dass die Schwerkraft ihre Meinung ändert. Und Sie?“

Der Mann drückte hektisch auf den Knopf für das nächste Stockwerk und rannte fast aus dem Fahrstuhl, als sich die Türen öffneten.

Als sie im 20. Stock ankamen und alleine waren, lehnte sich Marie gegen die Glaswand.

„Das war schlimmer als die Muscheln“, keuchte sie.

„Das war die beste Performance deines Lebens“, sagte Tessa bewundernd. „Du hast nicht geblinzelt, Marie. Du warst wie ein Terminator aus Beige.“

„Ich glaube“, sagte Marie und sah über die Skyline von Wien, „ich habe gerade gelernt, dass man keine Anleitung braucht, um eine Situation zu überstehen. Man muss nur stehen bleiben.“

Der Endgegner – Die Stille

Die zehnte Aufgabe war anders. Kein Singen, keine Socken, kein öffentlicher Spott.

Sie stand auf der Rückseite des Blattes, handgeschrieben von Mutter, ohne den ironischen Unterton der vorherigen Punkte.

Aufgabe 10: Geht an den Ort, an dem ihr am glücklichsten wart. Erzählt einander eine Sache, vor der ihr wirklich Angst habt – und lasst euch von der anderen helfen.

Sie fuhren zum alten Badesee am Stadtrand, wo sie als Kinder jeden Sommer verbracht hatten. Es war Abend, die Sonne tauchte das Schilf in ein kitschiges Gold, das selbst David Safier zu viel des Guten gefunden hätte.

„Ich fange an“, sagte Marie. Sie saßen auf dem alten Steg, die Beine über dem Wasser baumelnd. „Ich habe Angst vor dem Scheitern, Tessa. Deshalb lektoriere ich Gebrauchsanweisungen. In meinem Job gibt es eine richtige und eine falsche Antwort. Wenn ich eine Anleitung schreibe, wie man einen Toaster bedient, dann funktioniert der Toaster. Es gibt keine Überraschungen. Keine Enttäuschungen.“

Sie hielt inne und beobachtete einen Wasserläufer.

„Aber ich habe gemerkt, dass ich mein Leben wie eine Gebrauchsanweisung lebe. Ich befolge alle Regeln, aber am Ende kommt kein Toast raus. Nur Leere. Ich bin einsam, Tessa. Ich habe Angst, dass wenn ich einmal die Kontrolle verliere, alles in sich zusammenbricht.“

Tessa schwieg ungewöhnlich lange. Sie spielte nicht mit ihren Kristallen. Sie griff nicht nach ihrer Blockflöte.

„Und ich“, sagte Tessa leise, „habe Angst vor der Stille. Deshalb mache ich den ganzen Lärm. Die Gongs, die Umhänge, das spirituelle Gerede… es ist ein Schutzwall. Ich habe Angst, dass wenn es leise wird, ich merke, dass ich keine Ahnung habe, wer ich eigentlich bin. Dass ich nur eine Sammlung von schrillen Farben bin, ohne festen Kern.“

In diesem Moment war da kein Teppich-Streit mehr. Da war nur noch das Wasser und die Erkenntnis, dass sie zwei Seiten derselben Medaille waren: Die eine versteckte sich in der Ordnung, die andere im Chaos.

„Ich helfe dir, leiser zu werden“, sagte Marie und nahm Tessas Hand. „Wenn du mir hilfst, mal ohne Anleitung zu leben.“

Die Beweisaufnahme oder: Helgas ungläubiges Staunen

Drei Tage nach der Rückkehr vom See saßen Marie und Tessa auf dem pastellgrünen Sofa ihrer Mutter. Vor ihnen auf dem Couchtisch stand das iPad, als wäre es eine Beweisdose in einem Mordprozess. Helga saß ihnen gegenüber, den Rücken so gerade, als hätte sie ein Lineal verschluckt, und nippte an ihrem Earl Grey.

„Also“, sagte Helga und stellte die Tasse mit einem präzisen Klack auf die Untertasse. „Ihr behauptet, ihr hättet alle zehn Punkte erfüllt? Ohne Blutvergießen? Ohne dass eine von euch die andere im Wald ausgesetzt hat?“

„Wir haben überlebt, Mama“, sagte Marie. Sie wirkte immer noch ein wenig zerzaust. Ihr Trenchcoat hatte am Saum einen Fleck von der Baumarkt-Aktion, aber sie machte keine Anstalten, ihn wegzuwischen. „Und wir haben Videos.“

Tessa grinste und drückte auf Play.

Das erste Video startete. Die Kamera wackelte (Tessa hatte sie gehalten). Man sah die U1. Man sah Marie. Sie sah aus wie ein Reh im Scheinwerferlicht eines herannahenden Güterzugs. Und dann brach es aus ihr heraus: „WIIIIIR ZIEHEN DURCH DIE STRASSEN…“

Helga hielt inne. Ihre Hand mit dem Teelöffel erstarrte in der Luft. Sie sah zu Marie, dann zum Bildschirm, dann wieder zu Marie.

„Marie-Charlotte“, flüsterte sie. „Du hast in der Öffentlichkeit geschrien. Ohne dass es gebrannt hat.“

„Ich habe gesungen, Mutter“, korrigierte Marie mit neu gewonnenem Stolz. „Es war eine Performance.“

Dann kam das Video aus dem Restaurant. Man sah, wie Tessa ernsthaft versuchte, Lord Wuffington davon zu überzeugen, dass der Weißwein nicht für Hunde geeignet sei, während Marie dem Kellner mit vollkommener Ernsthaftigkeit erklärte, dass der unsichtbare Hund eine Glutenunverträglichkeit habe.

Helga fing an zu zittern. Zuerst dachte Marie, ihre Mutter erlitt einen Schock. Doch dann löste sich die Anspannung in einem Geräusch, das die Schwestern in ihrem ganzen Leben noch nie gehört hatten: Helga lachte. Es war kein vornehm-gepresstes Kichern. Es war ein tiefes, herzliches Glucksen, das immer lauter wurde, bis Tränen über ihre perfekt geschminkten Wangen rollten.

„Der Kellner“, prustete Helga. „Seht euch sein Gesicht an! Er sieht aus, als würde er gleich zum Exorzisten beten!“

Sie schauten sich den Rest der Videos an: Die Socken über den Schuhen, die Muschel-Transaktion im Bioladen, das Picknick zwischen den Rasenmähern. Bei der Fahrstuhl-Szene hielt Helga sich den Bauch.

„Warum hast du uns das angetan, Mama?“, fragte Tessa leise, als wieder Ruhe einkehrte. „Ich meine, außer für die Toskana. Warum diese Liste?“

Helga wurde ernst. Sie legte das iPad zur Seite und sah ihre beiden Töchter an. Die Perfektionistin und die Chaotin. Diejenige, die vor dem Leben Angst hatte, und diejenige, die vor sich selbst weglief.

„Weil ihr beide aufgehört habt, lebendig zu sein“, sagte Helga sanft. „Marie, du hast dich in deinen Regeln vergraben, bis du fast erstickt bist. Und du, Tessa, du hast so viel Lärm um dich herum gemacht, damit du nicht merkst, dass du den Kontakt zum Boden verloren hast. Ich wollte nicht, dass ihr euch nur vertragt. Ich wollte, dass ihr seht, dass die Welt nicht untergeht, wenn man die Kontrolle verliert – oder wenn man mal stehen bleibt.“

Sie griff in ihre Strickjacke und holte einen schweren, altmodischen Schlüsselbund hervor. Er war an einem Band befestigt, auf dem kleine Zitronen aufgedruckt waren.

„Das Haus in der Toskana gehört euch. Gemeinsam“, sagte sie. „Aber es gibt eine Bedingung.“

Marie und Tessa stöhnten gleichzeitig auf. „Noch eine Liste?“

„Nein“, lächelte Helga. „Aber im Keller des Hauses steht ein alter, hässlicher Teppich. Er ist staubig und hat furchtbare Muster. Ich möchte, dass ihr entscheidet, was damit passiert. Aber ihr müsst euch einigen. Ohne Feuerzeuge. Und ohne professionelle Reinigungskräfte.“

Marie sah Tessa an. Tessa sah Marie an.

„Wir könnten ihn als Picknickdecke für Lord Wuffington benutzen“, schlug Tessa vor.

„Oder wir zerschneiden ihn und basteln daraus Socken für unsere Schuhe“, sagte Marie trocken.

Helga lachte wieder. „Ich glaube, ihr werdet das schon machen.“

Der letzte Abend in Wien

Bevor sie in den Flieger nach Florenz stiegen, trafen sich die Schwestern noch einmal an ihrer U-Bahn-Station. Es war spät, die Bahn war fast leer. Sie standen auf dem Bahnsteig und sahen dem einfahrenden Zug zu.

„Wirst du deinen Job beim Gebrauchsanweisungs-Verlag wirklich kündigen?“, fragte Tessa.

„Ich habe es schon getan“, sagte Marie. „Ich habe ihnen gesagt, dass ich ab sofort nur noch Anleitungen für Dinge schreibe, die keinen Stecker haben. Zum Beispiel: ‚Wie man in der Toskana den Sonnenuntergang genießt, ohne eine Excel-Tabelle zu erstellen‘.“

„Und ich werde meine Gongs verkaufen“, sagte Tessa. „Zumindest die meisten. Ich glaube, ich will mal hören, wie sich die Stille in Italien anhört. Vielleicht ist sie gar nicht so laut, wie ich dachte.“

Als die Türen der U-Bahn aufgingen, stiegen sie nicht ein. Sie blieben einfach stehen und sahen zu, wie der Zug abfuhr. Sie brauchten keine Liste mehr, um zu wissen, dass sie überall hingehen konnten.

„Sollen wir noch eine Runde singen? Nur so zum Spaß?“, fragte Tessa.

Marie schüttelte den Kopf und lächelte. „Nein. Heute genießen wir die Show der anderen.“

Sie drehten sich um und gingen die Treppen hinauf zum Ausgang, Richtung Licht, Richtung Zukunft und Richtung eines kleinen Hauses, in dem der Wein immer die richtige Temperatur hatte und das Leben keine Anleitung brauchte.

Epilog: Toskana und Toast

Sechs Monate später.

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Die Sonne über den Hügeln der Toskana war so warm, dass Marie das Gefühl hatte, innerlich langsam aufzutauen. Sie saß auf der Terrasse des kleinen Steinhauses. Vor ihr lag ein Manuskript. Kein Ratgeber für Küchengeräte. Ein Roman. Ein richtiger, chaotischer, emotionaler Roman mit Eselsohren.

Tessa kam aus dem Haus. Sie trug eine schlichte Leinenbluse. Keine Federn im Haar. Sie hielt zwei Gläser Wein in der Hand.

„Was machst du?“, fragte Tessa.

„Ich schreibe das Vorwort“, sagte Marie. „Ich widme es einer gewissen Helene F.“

Tessa lachte. „Mutter hat uns gestern eine Karte geschrieben. Sie sagt, der Verein für schwer erziehbare Lamas ist enttäuscht, aber sie hätten ohnehin schon genug sture Tiere zu betreuen.“

Es war still auf der Terrasse. Aber es war keine bedrohliche Stille. Es war die Art von Stille, in der man den Mut hören konnte, den es gebraucht hatte, um hierherzukommen.

„Weißt du noch, die Sache mit den Muscheln?“, fragte Tessa und nippte an ihrem Wein.

„Ich habe immer noch eine in meiner Nachttischschublade“, gestand Marie. „Als Erinnerung daran, dass die Welt manchmal Nudeln verschenkt, wenn man nur verrückt genug ist, danach zu fragen.“

Sie stießen an. Das Leben war keine Gebrauchsanweisung. Es war eine Mutprobe. Und solange man jemanden hatte, der mit einem gemeinsam in der U-Bahn schrie, war man niemals wirklich verloren.

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